Wir stehen an einem Punkt, an dem Tiefenökologie, eine geerdete Spiritualität, ein richtig verstandener, intersektionaler Feminismus, eine soziale Utopie und das Herz am rechten Fleck uns die Haut retten könnten. Wir müssen neue gemeinsame Geschichte(n) schreiben, neue Formen des Zusammenlebens wagen.


Als ich Anfang 20 war, hatte ich ein bisschen was von Bambi. Ich war sehr schmal, hatte lange, staksige Beine, die mich nicht ganz sicher trugen und fühlte mich mutterseelenallein. Deshalb war ich auf der Suche. Meine großen, hilfesuchenden Augen haben so manchen Retterimpuls ausgelöst und ich lag öfter in starken Armen, nur um nach kurzer Zeit wieder weiterzusuchen, ruhelos. Denn ich wollte bereits damals nicht gerettet werden.

Ich suchte nach Sinn wie ein Tier nach Nahrung im Wald.

Ich suchte etwas, das wirklich Rettung verspricht, das den Schmerz heilt, etwas das tiefer geht als ein kurzfristiges gutes Gefühl. Ich fand es nicht im Wissen an der Uni, nicht im Konsum von Dingen, nicht in den Zielen und Lebensläufen, die zur Auswahl standen, nicht im Smalltalk und auch nicht in dem Sex mit ebenso verlorenen Kommiliton*innen.

ZEGG Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung

Genau in dieser Zeit stieß ich auf Gemeinschaften und soziale Utopien. Ich wusste bis dahin nichts von den Orten, die über einen notwendigen Wandel nicht nur sprechen, sondern ihn leben. Eine valide Vision zu Ökologie, Politik, Körper, Gemeinschaft, Spiritualität, Liebe und Sex; alles zusammengedacht – das war die Nahrung, die ich gesucht hatte. Ich war im Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung (kurz: ZEGG) bei Berlin. Ich verbrachte mehrere Jahre in recht engem Kontakt mit dieser Gemeinschaft. Ich habe nie dort gelebt. Leider war bereits im Jahr 2000, als ich dort als Studentin aufschlug, das Geschlechterbild und die Ideale einer (ausschließlich heterosexuellen) Liebesvision so gestrig, dass ich meine Realität und Vision dort nicht als umsetzbar empfand.

Trotzdem hat das Wissen, das ich dort gewinnen konnte, mein Leben, mein Lieben und meine gesamte Arbeit geprägt. Als Sexarbeiterin und Sexeducator verkörpere ich die Vision einer sexpositiven freud- und liebevollen Kultur für alle Geschlechter. Eine Kultur, die Schuld, Scham und Zensur hinter sich lässt. Eine Kultur der Erlaubnis und des Lauschens, des Spiels und der Lust an der Hingabe und der Ekstase. Ich bilde bereits jetzt eine Community, die auf gemeinsamen Werten beruht: Konsens, Mitgefühl, Kommunikation.

Ich begleite Menschen häufig auf ihre körpereigenen, internen Kriegsschauplätze. Ich schlichte, ich helfe bei den Verhandlungen. Ich zeige Wege auf für Kooperation und Vertrauen, zu einer Praxis der Liebe. Zum eigenen Körper, zu den eigenen Gefühlen, zum*r Partner*in, zur Welt.

Sexarbeit kann in diesem Sinne Friedensarbeit sein. Je mehr ich verkörpert bin, je mehr ich spüren und fühlen kann, desto weniger bin ich bereit, Gewalt auszuüben oder zu ertragen. Mir selbst und meiner Umwelt gegenüber.

Ich begreife mich als Friedensarbeiterin und konnte meine Arbeit daher niemals anders als politisch verstehen, auch wenn sie nicht an Konferenztischen, in Plenarsälen, in besetzten Häusern oder auf der Straße mit Plakaten oder Wurfgeschossen stattfindet. Sondern zwischen zerwühlten Laken, im Kerzenschein, im Lederkostüm, im Negligé oder nackt, gefesselt oder nicht, mit Striemen und ohne, berührt und gehalten, ejakulierend, gleich welchen Geschlechtes oder Genitals, laut atmend, tönend und jauchzend vor Lust. Ich habe zahllose Befreiungsmomente erlebt, ich bin eine Hebamme für Geburten von inneren Kindern, die wie Frischlinge auf die Welt purzeln und Zuwendung und Spielräume brauchen.

Aber kann ich so Einfluss nehmen? Wirksam sein? Politisch? Wie unterscheide ich zwischen Hedonismus um seiner selbst willen und dem Beitrag zu einer besseren Welt? Wie unterscheide ich wirkliches Wachstum von selbstreferentieller Nabelschau? Und wie will ich eigentlich leben, was ist mein eigener Begriff von Glück und Zufriedenheit? Wann und wo bin ich „Mensch unter Menschen“ , wann und wie bin ich gehalten und gesehen? Wie kann ich Nachhaltigkeit leben? Wo tanke ich mein Wissen auf, mein tiefes Fühlen, dass all das Sinn macht, und dass ich Sinn mache? Was war das nochmal mit der Gemeinschaft und warum ist die wichtig? Wie finde ich Unterstützung?

Workshop auf LaPalma 2020

Einige der Fragen mit denen wir uns herumschlagen, haben ihren Ursprung nicht nur in der eigenen kleinen Biografie, sondern sind geschichtlich oder kulturell. Wir können die Welt nicht nur in endlosen Therapiesitzungen ändern. Wir müssen neue gemeinsame Geschichte(n) schreiben, neue Formen des Zusammenlebens wagen: Heilung in diesem Sinne ist politisch, kann nichts anderes sein.

Um meine Erinnerung aufzufrischen, bin ich für ein verlängertes Wochenende in die ZEGG-Gemeinschaft zurückgegangen. Ich wollte mich weiter ausbilden: das „Forum“ ist eine intensive Form des Zusammentreffens; die Transparenz, Mitgefühl und Sichtbarkeit möglich macht. Ich nutze sie selbst in meinen Gruppen, weil auch hier eine temporäre und nährende Gemeinschaft entsteht. Jede Gemeinschaft birgt das Potential, zu sehen und gesehen zu werden. Das macht uns menschlich und macht Wandel möglich.

Das Forum ist eine Möglichkeit, zum eigenen Wesenskern vorzudringen und ihn für die Gemeinschaft sichtbar zu machen – mit all den Schichten die darüber liegen: Neid, Angst, Eifersucht, Geltungsbedürfnis, mangelndem Selbstwert, Wut, Arroganz, Abwehr.

Mitfühlen bedeutet: ich weiß, dass es diesen Anteil auch in mir gibt. Ich danke Dir daher für Deine Ehrlichkeit. Wenn Du ihn heilst, heilst Du ihn für mich mit. Deshalb bin ich gewillt Dich dabei zu unterstützen, statt Dich dafür abzuwerten, Dich auszulachen oder mir einen Vorteil zu verschaffen, weil ich sehe, wann Du schwach bist. So geht Solidarität statt Konkurrenz. So geht Mitgefühl statt Ausgrenzung. Es geht dabei nicht um einen „Seelenstriptease“ um seiner selbst willen. Es geht darum, zu wissen, dass ich eine von vielen bin.

Wenn ich in den Wandel gehe, verändere, unter Zeugen, bewegt es das Feld. Alle haben die Chance, sich mit mir zu verändern. Deshalb macht Gruppe für mich Sinn. Wir brauchen das Kollektiv, um kollektiv etwas zu ändern.

Workshop auf LaPalma 2020

Und um eine neue Kultur zu schaffen. Um zu sehen, was mensch noch kann, welches unser Potential ist – wenn wir es nicht von Leistungsdruck im Raubtierkapitalismus durch den Fleischwolf drehen und zur Unkenntlichkeit entfremden. Mit Werten, die wir selbst bestimmen. Empathie statt Konkurrenz. Kommunikation statt Kampf. Gesunde Grenzen statt Ausgrenzung. Eine Kultur der Kooperation statt der Konkurrenz zu bilden; eine der Integration statt der Abspaltung; eine der Wertschätzung statt der Abwertung, eine in der wir die Erde und unsere Körper als kostbare Ressource achten und pflegen, anstatt sie auszubeuten. Eine Kultur, in der es wirklich um die Liebe geht und nicht um Besitz.

Klingt nach Ökoromantik, Altlinks und ein bisschen Eso? Sicherlich. Trotzdem glaube ich, eine Vision dazu ist so schmerzhaft notwendig, dass wir uns nicht leisten können, darüber zynisch zu lachen. Aus welcher Position der Überlegenheit?

Wir stehen an einem Punkt, an dem Tiefenökologie, eine geerdete Spiritualität, ein richtig verstandener, intersektionaler Feminismus, eine soziale Utopie und das Herz am rechten Fleck uns die Haut retten könnten. Mehr denn je sind wir heute angewiesen darauf, dass Menschen die Möglichkeit, wirklich in Frieden zu leben, mit sich selbst, mit der Umwelt und mit anderen, wenigstens denken.

Bevor der Planet verbrennt oder von einem der wahnsinnig gewordenen, narzisstischen Autokraten in die Luft gesprengt wird. Was dabei hilft: Es ist extrem motivierend, die Welt einen besseren Ort zu machen.

Und es ist ermutigend, einzustehen für die Werte, für die und mit denen wir leben wollen. Es macht wach, eine wirklich bessere Welt zu kreieren, statt einfach nur ein individuelles Problem zu „lösen“ und um den eigenen Bauchnabel zu kreisen. Und es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass ich all das nicht allein machen muss.

Es gibt Wissenressourcen und es gibt Bewegungen, denen mensch sich anschließen kann. Ökologische Bewegungen, politische Bewegungen, Hilfsorganisationen. Es gibt Orte, an denen Körperarbeit praktiziert wird und Heilung geschieht. Es gibt Gemeinschaften mit enormen Wissen zu einer friedvollen Kultur. Und manchmal reicht es schon, sich im Netzwerk zu denken.

Sobald ich weiß, dass ich Mensch unter Menschen bin, beruhigt das mein Nervensystem. Es verändert mein Denken und mein Handeln, denn ich denke nicht nur für mich selbst – ich habe Verantwortung.

Nach diesem Wochenende sind meine Augen wieder weit offen und mein Blick glasklar. Wirkliche Erkenntnis muss auch körperlich spürbar sein. Ich weiß wieder: Ich bin wirksam und meine Entscheidungen machen einen Unterschied. Sie können die Welt wandeln und einen friedlicheren Ort machen. Und: Vertrauen schafft man, indem man sich öffnet. So einfach ist die Sache mit dem ersten Schritt.

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